| Weihnachtsmärchen | ||
| Theatergruppe WIR überzeugt mit witzigem Lehrstück | ||
| Am Ende eine sanfte Revolution | ||
Eine sanfte allerdings, die mit der Einführung der konstitutionellen Monarchie endet. Der Herrscher wird nicht liquidiert, sondern lächerlich gemacht und schon dadurch entmachtet - eine zeitgemäße "Demokratisierung" des Märchens "Des Kaisers neue Kleider" von Hans Christian Andersen, das die VHS-Theatergruppe WIR in diesem Jahr als Weihnachtsmärchen in Szene gesetzt hat. Zwei Vorstellungen folgen noch an den beiden letzten Adventssamstagen, jeweils um 15 Uhr. Frei nach der Vorlage sei das Stück von Heiner Schnitzler, ist im Programmblatt der Theatergruppe WIR zu lesen. Das gilt allerdings nur insofern, als Andersens Märchen Figuren hinzugefügt wurden, ohne die ein Theaterstück ja nun einmal schlecht funktioniert. Der Ablauf des Geschehens ist dagegen ziemlich originalgetreu, und die Lehren, die aus dem Stoff gezogen werden sollen, werden überaus deutlich herausgearbeitet. Dafür sorgen nicht zuletzt die Schauspieler mit bravourösen Leistungen. Jochen Hermanns gibt den Kaiser so selbstverliebt, dass es trieft. Bis in die letzte Reihe wird den Zuschauern klar, dass dieser Herrscher für die Sorgen des Volkes völlig blind ist. Sehr überzeugend auch die beiden Betrüger Klotz und Stotz (gespielt von Thomas Joppich und Franz Schroers), deren Verschlagenheit selbst Vierjährige auf den ersten Blick erkennen (was ja auch nicht gerade für die Regierungsfähigkeit des Kaisers spricht, der diesen beiden Ganoven auf den Leim geht). Für regelmäßige Lacher sorgt der Hofdichter (Hiltrud Köhne) mit seinen mehr oder weniger gelungenen, vor allem aber unvollständigen Lobpreis-Versen. Doch auch weniger leichtgläubige Naturen sind hier in einem Teufelskreis gefangen. Der Koch, der Lehrer, die Gärtnerin, die Minister - sie alle sehen eigentlich, dass der Kaiser sich übers Ohr hauen lässt. Aber sie trauen sich nicht, die Wahrheit zu sagen - nämlich, dass die Betrüger dem Kaiser Luft statt prächtiger Kleider andrehen -, weil diese Kleider angeblich eine besondere Eigenschaft haben: Wer sie nicht sieht, ist dumm und/oder für seinen Posten nicht geeignet. Und wer möchte schon seinen Job verlieren? Vor allem diese Zwickmühle der Hellsichtigen, aber Ängstlichen macht die große Aktualität des Stücks aus. Einen Kaiser haben wir zwar schon lange nicht mehr, aber wie geht es eigentlich in vielen Unternehmen oder Behörden zu? Es spricht für den Optimismus der WIR-Theatermacher, dass sie das Volk hier eine wesentlich aktivere Rolle spielen lässt als in Andersens Märchenvorlage. Es ergibt sich nicht zufällig, dass ein Kind die Wahrheit sagt, vielmehr haben Vertreter des Volkes dafür gesorgt - in erster Linie Mamsell Frechdachs, die personifizierte Zivilcourage. So gibt diese 19. Inszenierung der Theatergruppe WIR ihren kleinen und großen Zuschauern gleich Zweierlei: beste Unterhaltung und ein paar Erkenntnisse über absurde Auswüchse von Hierarchien. Im Programmblatt hebt der Leiter und Regisseur der Truppe, Jens D. Billerbeck, die inzwischen 20 Jahre währende gute Zusammenarbeit mit dem City-Kauf Ratingen hervor. 19 Weihnachtsmärchen (einmal war das Stadttheater wegen Umbaus geschlossen) hat WIR inzwischen im Auftrag des City-Kauf in Szene gesetzt. Vor 20 Jahren, so Billerbeck, sei dies "schlicht eine gute Idee des City-Kauf-Vorsitzenden Paul M. Zimmermann gewesen, heute heißt sowas Public-Private-Partnership. Der Ratinger Einzelhandel sorgt für Kultur und entlastet so den Steuerzahler." Und er sorgt für richtig gute Kultur. Jedenfalls merkt man der Theatergruppe WIR die lange Erfahrung an. Dass man es hier mit einem Laientheater zu tun hat, fällt zu keinem Zeitpunkt auf. Die Schauspieler sind souverän, die Inszenierung wartet mit einer Fülle hübscher Details auf, Kostüme und Kulissen werden hohen Ansprüchen gerecht. Einige wenige Restkarten für die beiden letzten Vorstellungen am 14. und 21. Dezember, jeweils 15 Uhr gibt es im Kulturamt an der Minoritenstraße 2, Telefon 98 24 32 und -33. es |
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